Digital Native Problems: Tageszeitung lesen

Heute war ich mal verrückt: Ich habe mir eine Tageszeitung gekauft. 

 

"Wieso ist die so komisch? -Hat die denn kein Facebook oder die App von Spiegel Online?" werden einige jetzt denken. Das habe ich mir zuerst auch gedacht. Aber dann kam gestern. 

 

Folgende Situation: Mein Freund und ich sitzen entspannt auf der Terrasse und genießen einen der ersten richtigen Frühlingsmorgen mit einem schönen Frühstück. Nachdem wir uns ein bisschen über dieses und jenes unterhalten haben, vertieft sich jeder in die Neuigkeiten des Tages - auf seinem Handy. Und ich denke mir so: Das ist doch total dämlich. Zeitung lesen ist irgendwie so viel romantischer. Keine Facebookmeldungen, die einen ablenken und ich schaue auch nicht "mal eben kurz" bei Pinterest rein und finde mich drei Stunden später dabei wieder, wie ich interessante Möbel zum selbermachen zusammensuche. Ich kann zwar nichts, was mit Schreinern zu tun hat - aber man weiß ja nie, wann man das gebrauchen könnte.

 

Also habe ich heute einen Entschluss gefasst: Ich werde mir eine Tageszeitung kaufen und den Morgen entspannt genießen. 

 

 

 

Tja. Wenn das mal so einfach wäre. Denn so eine Tageszeitung ist echt unpraktisch. Wie hält man so ein Ding? Nach etwa drei Minuten werden meine Arme lahm. Ausgebreitet fällt also schonmal weg. Ich klappe die Zeitung längs in der Mitte zusammen. Besser. Aber Komfort ist irgendwie anders. Irgendwie bilde ich mir auch ein, dass die Zeitung ganz schön schwer ist.

 

So, jetzt erstmal einen Artikel lesen. Der Leitartikel geht über die Panama Papers. Oh man ey, voll langweilig. Hab ich gestern schon alles bei Spiegel Online versucht zu lesen, aber der Scrollbalken ist immer so klein geworden und dann wusste ich schon gleich, dass das Thema ziemlich kompliziert ist und mich das wahrscheinlich langweilt. Ich hab da also eher auf reddit gesetzt und das Thema dann auch sofort verstanden.  Aber okay, dann lese ich das mal. Mhm mhm mhm ja. Aso. 

 

Nach drei Minuten merke ich, dass ich nicht mehr lese, was im Artikel steht, sondern mich frage, wie nochmal der witzige Vulkan in Island heißt. Geht irgendwie nicht anders, wenn es hier gerade um Reykjavik geht. Aber jetzt hier mal Fokus. Der hieß Fullujaklrudüdü oder so, Thema beendet. Wieder drei Zeilen, wieder gelangweilt.

 

Okay, so wird das nichts - nächster Artikel. Demokratisierung Burmas. Das ist tatsächlich wirklich interessant, weil ich weiß nicht so viel über Burma und finde den Artikel ansprechend. Nur leider geht er Autor davon aus, dass der Leser totaler Südostasienchecker ist und ich bin an einigen Stellen ein bisschen verloren. Wäre ich jetzt in diesem Interweb, hätte ich es gegoogelt. Aber nein, so bleibe ich halt oberflächlich und tue einfach so, als wüsste ich, was die Junta-Regierung ist und weswegen die Beziehung zu China so angespannt ist. Kein Problem, mit der Taktik habe ich mich im Studium gut durch mein beklopptes Skandinavistik-Nebenfach gemogelt. Aber irgendwie interessiert mich das jetzt und ich würde gerne mehr darüber wissen...

 

Muss man eigentlich die ganze Zeitung lesen? Wie läuft das so? Weil ich habe jetzt 2 Euro 60 für das Moped hier bezahlt und möchte natürlich auch etwas für mein Geld. Nur - nach einer halben Stunde habe ich gerade erstmal zwei Seiten gelesen und irgendwie habe ich das Gefühl, dass es eine Tagesaufgabe ist, die ganze Tageszeitung lesen. Das wird wohl nicht der Sinn der Sache sein. Um das Ganze hier mal abzukürzen, lese ich also ab jetzt nur noch das, was mich interessiert. Denn meine Arme sind doch schon irgendwie schwer.

 

Natürlich kommt es, wie es kommen muss. Ab jetzt ziehe ich das gleiche Programm durch, das ich auch im Internet durchziehe. Ich könnte ja etwas über die Auswirkung und Funktionsweise über Negativzinsen lesen - die Information wäre da. Das Thema geht uns alle an und eigentlich sollte man da als Verbraucher auch aufgeklärt sein. Aber ich habe hier nur begrenzt Zeit und da ist auch ein Artikel über einen Affen, der 945 Tage mit einem Schweineherz überlebt hat. Und die neue Modeshow von Yves saint Laurent. Hauptsächlich lande ich also wieder bei den Themen, die halt nicht soooo wichtig, aber irgendwie amüsant sind. Na toll.

 

Fazit: Ich hätte auch im Internet bleiben können. Auch analog wieder nur Quatsch gemacht und ständig ablenken lassen. Dazu keine Zusatzinformationen vorhanden, wenn man sie gerne hätte und meine Arme sind auch lahm. Tageszeitung lesen ist also genauso unromantisch, wie auf das Handy zu schauen.