WORTE AN EINE VERLORENE LIEBE

 

Als ich NEON das erste Mal sah, war ich hin und weg. Ich war zarte 17 Jahre alt und traf NEON in einer Zeit, in der das Leben gerade erst richtig anfing und ich auf der Suche nach einem Kompass war, der mich durch diese aufregende, aber auch angsteinflößende Zeit navigierte. Da war NEON nun. Lag lässig im Zeitschriftenregal und schaute mich mit seinem auffälligen NEON-Design an. Und dann machte es "BOOM!", wie das nur bei Jugendlichen geschieht.

 

Ich nahm NEON ohne zu zögern mit zu mir nach Hause und wir redeten und redeten, Stunde um Stunde. NEON erzählte mir von der großen weiten Welt. Wie es im Osten von China ist, wer die angesagtesten neuen Indie-Bands sind, wie er Bosse getroffen hat und ihm Fragen zur EU stellte. In meinen Teenager-Augen war NEON der Größte und ich war ziemlich verknallt in ihn. Jeden Monat hatte NEON so viel zu berichten und zeigte mir die ganze Welt. 

 

So ging das ein paar Jahre und NEON wurde zu einem treuen Begleiter. Er erzählte mir alles und inspirierte mich, immer wieder neues auszuprobieren und an mich zu glauben. Die Jahre mit NEON waren unbeschwert und voller spannender Lebensabschnitte. England hier, Hamburg da, dann mal in Schweden und gerne auch nochmal nach Köln. Es war eine schöne Zeit und NEON war immer an meiner Seite und begleitete mich.

 

 

Die Liebesgeschichte von NEON und mir zerbrach – wie so viele junge Lieben - schleichend und still. Wir hatten uns verändert. Auseinandergelebt. Während ich meiner Arbeit nachging und mich über Versicherungen ärgerte, hielt NEON immer noch an Backpackingtrips für Bratislava fest. Irgendwann wurde mir klar, dass das so nicht weitergehen konnte. Ich tat also das, was jeder tun muss, der eine geliebte Person hinter sich lassen muss, um weiterzukommen: Ich habe die Beziehung zu NEON beendet. In einem professionell distanzierten, aber trotzdem einfühlsamen Brief erklärte ich NEON, dass es so nicht weitergeht und ich mein Abonnement hiermit zum nächstmöglichen Zeitpunkt kündigen möchte. Das hat NEON sehr verletzt. Anrufe folgten, in denen NEON bettelte, mich zurückzunehmen. Wieso wolle ich es nicht nochmal versuchen? Würde eine Dreiecksbeziehung mit der NIDO vielleicht alles retten? Heutzutage beziehen viele Leute Kombiabos. Aber egal, wie sehr NEON auch bettelte - es war aus und vorbei. Ich musste weiterziehen.

 

Es folgten andere Zeitschriften, doch nie wieder konnte ich mich mit vollem Herzen an eine Zeitschrift binden. Nach den Jahren des Gefangenseins wollte ich meine Freiheit spüren. Wollte einfach in den Kiosk gehen und mir nehmen, was ich brauchte. Es folgte eine kurze, aber heftige Affäre mit Business Punk und eine eher halbherzige Liaison mit stern Crime. Die anderen Zeitschriften waren okay für den Augenblick, aber nie wieder schaffte es eine Zeitschrift, mich so zu berühren wie NEON.

 

Von Zeit zu Zeit sah ich mir alte Erinnerungen an, bei denen ich es nicht an mich bringen konnte, sie zu entsorgen - wie etwa die Ausgehtipps für Oxford oder die Rezepte von Migranten - und dachte an NEON. Manchmal sah ich NEON auch aus der Ferne und es schien ihm gut zu gehen. Das Cover leuchtend wie eh und je und die Überschriften gleichzeitig prägnant und raffiniert. Dabei realisierte ich anscheinend nicht, dass es NEON seit meinem Weggang immer schlechter ging. Die Leserschaft wurde kleiner und kleiner und damit auch das Selbstbewusstsein. Der Umzug von München nach Hamburg ließ NEON innerlich zerreißen und die Leser nach mir waren nicht so treu wie ich - ständig verließen sie NEON und bandelten mit VICE.de und anderen digitalen Plattformen an. Doch all das sah ich nicht, weil ich mit meinem eigenen Leben beschäftigt war.

 

Bis zum heutigen Tag, da traf ich NEON wieder. Ich hörte von HORIZONT, wie es NEON in den letzten Monaten ergangen war. Dass er an einem Tiefpunkt angelangt war, sich aber jetzt wieder aufrappelt und einen Neustart wagt. Das hat mich innerlich sehr berührt. Zuerst, weil ich nicht gesehen habe, wie schlecht es NEON ging und außerdem, weil ich ihm in dieser Zeit beistehen wollte. Ich sammelte NEON in einem Kiosk ein und wir setzten uns in ein Café, wo wir lange sprachen. Ich freute mich, NEON wiederzusehen und beinahe war es wie früher: Die Geschichten über Dreiecksbeziehungen der Studenten-Freunde, das Beschweren über die Eltern und den lästigen Nebenjob und die Aufklärung über den Atomausstieg. Es hatte sich einiges verändert, aber vieles war doch gleichgeblieben und vertraut.

 

Doch eines ist mir klar. NEON muss seinen Weg nun alleine gehen, es gibt keine Chance auf ein Happy End. Wir haben uns zu sehr auseinandergelebt. Denn ich höre mir gelegentlich noch gerne NEONs Geschichten über Backpacker und nervende Mitbewohner an, aber ich kann sie nicht mehr richtig fühlen.

 

Mein Leben ist jetzt anders. Ich hoffe, NEON versteht das.

 

Lebe wohl, meine erste große Zeitschriften-Liebe.

 

Mögest du eine Generation von Lesern finden, die dich genauso liebt, wie ich es tat.